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fondsweb.de - ETFs: Die gefährliche Macht der Masse 10.01.19 Meldung

(boerse-online) - Indexfonds feiern einen Siegeszug sondergleichen, das passive Investieren setzt sich als dominante Anlageform durch. Jetzt meldet ausgerechnet ihr Erfinder, Vanguard-Gründer John Bogle, Bedenken an. Von Nele Husmann

Neben dem Wochenendhaus von John "Jack" Bogle, idyllisch an einem See im Staat New York gelegen, steht ein indianischer Totempfahl. Er soll den 89-Jährigen an sein zweites Leben erinnern: 1997 bekam er nach einem Infarkt ein neues Herz.

Sogar Warren Buffett, der Großmeister der aktiven Aktienauswahl, würde dem Erfinder des passiven Investierens ein Denkmal setzen: "Sollte jemals eine Statue errichtet werden für denjenigen, der das meiste für mich getan hat, dann gilt sie John Bogle. Er ist ein Held für mich und für Millionen von Amerikanern", sagt die Investorenlegende aus Omaha. "Er hat Millionen von Menschen geholfen, bessere Anlageergebnisse zu erzielen."

Mulmiges Gefühl

Doch wie im berühmten Gedicht über den Zauberlehrling von Johann Wolfgang von Goethe warnt jetzt ausgerechnet Bogle vor den Geistern, die er rief. 1975 gründete er die Fondsgesellschaft Vanguard als Verwalter von Indexfonds, die Aktienindizes wie den S&P 500 abbilden: Statt aktiv die vermeintlich besten Aktien herauszusuchen, kauft der Fonds einfach den gesamten Markt - und das zu einem Bruchteil der für aktive Fonds typischen Gebühren. Anfangs erntete Bogle für seine Idee Hohn und Spott. Seit über 20 Jahren aber ist Vanguard die am schnellsten wachsende Fondsgesellschaft der Welt mit einem Plus von 16 Prozent pro Jahr - und das auf einer Basis von mehr als 5,1 Billionen Dollar verwaltetem Vermögen.

Indexfonds sind in ihrem Siegeszug nicht zu stoppen. Aktuell werden 18 Prozent des Werts aller US-Aktien in passiven Fonds gehalten. In Deutschland machen sie nach Berechnungen der Fondsgesellschaft DWS schon zwölf Prozent des Aktiensegments aus. Auch hierzulande wächst dieser Anteil stark. "Das dramatische Wachstum von Indexfonds wird weitergehen", lautet Bogles Standardspruch. Früher war er begleitet von einem Achselzucken: "Es ist eben der bessere Weg des Investierens." Jetzt aber meldet Bogle sich erstmals selbst mit Bedenken gegenüber seiner Schöpfung zu Wort: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mehr als die Hälfte aller US-Aktien in passiven Portfolios liegen. Und ich denke nicht, dass solch eine Konzentration dem nationalen Interesse dient", warnt er in seinem neuen Buch "Stay the Course - The Story of Vanguard and the Index Revolution" .

Schlechtester Börsengang aller Zeiten

Als Bogle 1976 den First Index Investment Trust, der den Bewegungen der Aktien des S&P 500 folgt, an die Börse brachte, war es das schlechteste IPO aller Zeiten an der Wall Street. Statt angestrebter 250 Millionen Dollar sammelte der Fonds nur 11,3 Millionen ein und erhielt den Spitznamen "Bogles Folly" (Bogles Torheit). Und der Chef von Fidelity Investments, der damals größten Fondsgesellschaft der Welt, höhnte öffentlich: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein großer Teil der Anleger sich mit lediglich durchschnittlichen Erträgen zufriedengeben wird - sie wollen die besten."

Weiter hätte der Experte nicht danebenliegen können. In passiven Fonds liegen heute 37 Prozent aller von Fonds verwalteten Aktien. Der Anteil steigt rasant: Die Mittelzuflüsse in passive Investments wachsen jährlich um mehr als 13 Prozent. 2016 zogen sie neue Mittel in Höhe von 506 Milliarden Dollar an, während aktive Fonds 341 Milliarden Dollar Abflüsse verkraften mussten.

Die Ratingagentur Moodys schätzt, dass Indexfonds spätestens 2024 aktive Aktienfonds in der Höhe der verwalteten Gelder übertreffen. "Den Anlegern wird zunehmend deutlich, dass es sich beim Aktienmarkt um ein Nullsummenspiel handelt. Im Durchschnitt können aktiv gemanagte Investments keine Outperformance erzielen - für jeden Gewinner muss es einen Verlierer geben", argumentieren die Moodys-Analysten.

Die Zahlen geben den passiven Anlegern recht: Indexfonds schneiden im Markt besser ab als gut 80 Prozent der aktiv gemanagten Fonds, und zwar sowohl über fünf als auch über zehn Jahre. Das Problem aber ist, dass nur drei Anbieter 81 Prozent des gesamten Indexmarktes unter sich aufteilen: Vanguard hat einen Anteil von 51 Prozent, Blackrock von 21 Prozent und State Street neun Prozent.

Weil so wenig Geld mit Indexfonds zu verdienen ist und die Konkurrenz so dominant, wagen sich keine neuen Wettbewerber aufs Parkett. Zuletzt hatte Fidelity zwei "Zero Price"-Fonds begeben, die auf Gebühren verzichten. "Hält der vorherrschende Trend an, hat eine Handvoll riesiger institutioneller Investoren eines Tages die Stimmrechte über fast jedes große US-Unternehmen", warnt Bogle. "Die Politik darf diese Gefahr nicht ignorieren."

Falls also Indexfonds in wenigen Jahren 50 Prozent aller US-Aktien halten, würden die großen Drei de facto mehr als 30 Prozent des Aktienmarkts kontrollieren. Schon heute besitzt Vanguard allein mehr als zehn Prozent von 80 Unternehmen und mehr als fünf Prozent von 491 der 500 S&P-Firmen. Insgesamt gehören Vanguard 6,8 Prozent des gesamten Index.

Bogles Logik ist die folgende: Die Vorstandsvorsitzenden werden vom Aufsichtsrat berufen, der wiederum von den Aktionären gewählt wird. Aktive Fonds engagieren sich im Namen ihrer Anleger auch gegen die Vorschläge des Managements. Passive Fonds dagegen vertreten die Aktionäre selten auf Hauptversammlungen und stimmen in der Regel mit dem Management. Sie sind nicht daran interessiert, aktiv auf das Management einzuwirken. Sie halten lieber ihre Kosten so gering wie möglich und verzichten auf Analysen einzelner Unternehmen.

Das führt zu einem Machtvakuum, je mehr Stimmrechte die passiven Fonds vertreten. Zum Beispiel sind in Sachen Vorstandsvergütung vonseiten passiver Fonds kaum Maßnahmen zu erwarten. Bogle ist nicht der Erste, der auf das Problem hinweist. Auch Warren Buffetts Investmentpartner Charlie Munger warnt: "Indexfonds sind Aktienbesitzer, die nie verkaufen. Das gibt ihnen eine Macht, die sie nicht richtig nutzen."

Das Brokerhaus Sanford Bernstein ging sogar noch einen Schritt weiter. In einer Studie argumentierte es 2016, passives Anlegen fördere ein System der Kapitalallokation, das "schlimmer ist als sowohl Kapitalismus wie auch Marxismus". Denn wenn professionelle Anleger Unternehmen nicht ausführlich analysierten, verzerre sich die Fähigkeit der Märkte, adäquate Preise für Aktien und Anleihen festzulegen. Schon jetzt sei klar erkennbar, dass Aktien innerhalb eines Index stärker miteinander korrelieren. Der drastische Anstieg passiver Investments lasse diese Titel verstärkt im Gleichschritt marschieren, ohne dass einzelne auf ihren wahren Wert abgeklopft würden. Die Quintessenz der Studie lautet: "Der Blindkauf von Aktien ist problematisch." Diese Argumentation ist nicht ganz uneigennützig - Sanford Bernstein verdient als Brokerhaus sein Geld mit aktiven Geldanlegern.

Burton Malkiel, Chief Investment Officer bei Wealthfront und berühmt für seinen Finanzbestseller "Random Walk Down Wall Street", hält dagegen. Die Frage, ob die Effizienz des Marktes in Gefahr sei, lasse sich durch keinerlei Indizien belegen: "Wenn ein Unternehmen ein sensationelles neues Krebsmittel erfindet, wird es immer aktive Investoren geben, die einsteigen und den Kurs nach oben treiben." Er ist sich sicher: "Selbst wenn nur noch zehn oder 15 Prozent des Marktes aktiv gemanagt würden, wäre das noch genug Einfluss, um sicherzustellen, dass die Preise die Informationen reflektieren." Doch auch seine Meinung mag von persönlichem Interesse gefärbt sein: Er saß 28 Jahre lang im Aufsichtsrat von Vanguard.

Bogle kann sich Kritik erlauben - er ist finanziell unabhängig und aus dem Tagesgeschäft ausgeschieden. Er hat Vanguard als Gesellschaft auf Gegenseitigkeit aufgezogen, die jedem Fondsanleger anteilig gehört - er selbst bezog immer ein ganz normales Gehalt und einen Bonus: "Ich bin im amerikanischen Geldadel nur ein Rundungsfehler", sagte er einst.

Größere Preisausschläge

In Deutschland sorgen sich Anleger in erster Linie darum, dass Indexfonds die Trends an den Märkten verstärken könnten. Die Bank of America fand in einer Studie heraus, dass jene Aktien, die zu einem erheblichen Teil in der Hand passiver Investoren sind, stärkere Preisschwankungen zeigten als solche im Besitz aktiver Fonds. Das liegt daran, dass die Indexfonds die Werte unbegrenzte Zeit halten - und deshalb nur ein kleiner Teil der Titel wirklich für den Handel zur Verfügung steht.

Ansonsten gilt es, genau hinzuschauen, um welche Art von passivem Anleger es sich handelt: Während Indexfonds als Investoren eine stabilisierende Wirkung ausüben, sorgen Exchange Traded Funds (ETFs) oft für mehr Volatilität. Ausgerechnet Letztere, die den mehrfachen An- und Verkauf innerhalb eines Börsentags zulassen, verzeichnen das schnellste Wachstum unter der passiven Fonds. In den Vereinigten Staaten machen ETFs schon heute 25 Prozent der täglichen Handelsumsätze aller Aktien aus. Dass Bogle selbst jetzt Besorgnis hinsichtlich der entstehenden Dominanz der passiven Fonds äußert, ist zwar erstaunlich, allerdings betont er auch, dass passive Fonds grundsätzlich überlegen seien  und zitiert dabei den Harvard-Professor John Coates: "Indexing hat soziale Vorteile generiert, ein Verbot wäre ganz klar keine gute Idee." Dem fügt er nur noch eines hinzu: "Amen."



Quelle:
fondsweb.de